Li Bai 李白 (701-762) – Vom Leben und Leiden eines Unsterblichen

„Der verbannte Unsterbliche“ – so lautet der Titel der Biographie, die Ha Jin, US-amerikanischer Autor chinesischer Herkunft, zu Li Bai verfasst hat. Im Februar 2023 erschien das Werk in der deutschen Übersetzung von Susanne Hornfeck.

Erschienen im Verlag Matthes & Seitz Berlin, 2023

Als ich das Buch zum ersten Mal in meinen Händen halte, verspüre ich eine gewisse Ehrfurcht, denn schließlich handelt es von dem Jahrtausenddichter Li Bai. Zugleich erinnere ich mich an eine der ersten Stunden meines Sinologiestudiums. Ein alter Professor erklärte uns Studenten das Wesen der chinesischen klassischen Sprache. Dazu schrieb er eins der berühmtesten Gedichte der chinesischen Lyrik an die Tafel.

床前明月光

疑是地上霜

举头望明月

低头思故乡

Das Gedicht, 静夜思 „Gedanken in stiller Nacht“, stammte von Li Bai, entstanden im achten Jahrhundert.

Vier Zeilen mit je fünf Zeichen, jedes Zeichen ein eigener Begriff. Die Einsilbigkeit des klassischen Chinesisch und das Fehlen von Gesetzmäßigkeiten westlicher Sprachen machen eine Übertragung schwierig.

Hier meine nahezu wörtliche Übersetzung, die leider nichts mehr von der Schönheit des chinesischen Originals widerspiegelt.

„Vor dem Bette helles Mondlicht / der Boden wie von Reif bedeckt.

Ich hebe den Kopf und erblicke den Mond / ich senke ihn und gedenke der Heimat.“

Trauer und Enttäuschung klingen in den Worten mit. Der Dichter ist erschöpft von der erfolglosen Suche nach Amt und Würden. Allein in der Fremde, sehnt er sich nach seiner Heimat.

Li Bai gilt neben Du Fu (712-770) als bedeutendster Dichter der chinesischen Klassik – genial, eigensinnig und mutig. Schon zu Lebzeiten berühmt, nannten ihn seine Bewunderer einen „verbannten Unsterblichen“, den der Himmel wegen schlechten Benehmens zur Bestrafung auf die Erde verbannt hat.

Was weiß man über diesen Dichter, der vor mehr als 1200 Jahren gelebt hat?

Man weiß erstaunlich viel, folgt man den Ausführungen von Ha Jin, denn schon Zeitgenossen und Verwandte haben sich zu ihm geäußert, und nicht zuletzt sind es seine eigenen Gedichte, die viel von seiner Person und seinem Schicksal preisgeben.

Seine Dichterkollegen beschrieben ihn als imposante Erscheinung, groß und stattlich, mit strahlenden Augen und elegant gekleidet. Sein Wesen war unbekümmert und verwegen, sein Charakter unkonventionell, seine Leidenschaft der Schwertkampf und sein Laster die Trunksucht.

Ha Jin zeichnet Li Bais Lebensweg nach und berichtet dabei von einer ganzen Epoche. Es ist, als würde ein Fenster geöffnet, das Einblick gewährt in das China des achten Jahrhunderts, als das Land unter der Herrschaft der Tang-Dynastie (618-907) zu größter Ausdehnung und Machtentfaltung gelangt und damit einhergehend zu höchster kultureller Blüte. Durch Li Bai erfahren wir von den Schattenseiten jener Zeit, von Machtmissbrauch, Beamtenwillkür und Palastintrigen, von Not und Elend.

Wer war Li Bai?

Li Bai 李白, im Westen auch Li Po oder Li Taibai genannt, soll im nordwestlichen Grenzgebiet des chinesischen Reiches zur Welt gekommen sein, im heutigen Kirgisistan, an der legendären Seidenstraße, die China mit Indien, Zentralasien, Arabien, Afrika und Europa verband. Ein buntes Völkergemisch aus Chinesen, Mongolen, Persern, Türken und Uiguren lebte dort. Von Li Bais Mutter glaubt man, dass sie Turkmenin war. Von der Familie väterlicherseits heißt es, sie stamme ursprünglich aus dem Landesinneren, aus Sichuan. Seit zwei, drei Generationen lebten die Lis in jener fernen Region. Ein Vorfahre war nach angeblich grundloser Anschuldigung dorthin verbannt worden. Als Li Bai fünf Jahre alt war, kehrte die Familie nach Sichuan zurück, eine beschwerliche Reise, die ein halbes Jahr dauerte und durch Wüsten und über steile Bergpässe führte. Vage Erinnerungen daran klingen in manchen seiner Gedichte nach.

Sein Vater, Li Ke, war ein erfolgreicher Kaufmann, der durch den Handel auf der Seidenstraße zu Wohlstand gekommen war. Vier von Li Bais Brüdern stiegen ins Geschäft des Vaters ein. Nicht so Li Bai. Seinem Vater war schon früh die außergewöhnliche Intelligenz und das hervorragende Gedächtnis des Jungen aufgefallen. Er sollte deshalb eine Beamtenlaufbahn einschlagen, die später der Familie den sozialen Aufstieg sichern würde.

In dem hierarchisch geordneten Gesellschaftssystem stand das Kaiserhaus an der Spitze. Diesem untergeordnet waren die vier Stände: die Gelehrten, gefolgt von Bauern, Handwerkern und Händlern. Letztere zählten zur untersten Schicht der chinesischen Gesellschaft. Sie galten als unehrlich.

Die chinesische Beamtenschaft – eine offene Elite

Der Kaiser regierte das Reich mit Hilfe eines weitverzweigten Netzes ihm ergebener literarisch gebildeter Beamter. Zugang zur Beamtenschaft hatte jeder, der sich im mehrstufigen staatlichen Prüfungssystem qualifizieren konnte. Theoretisch war es damit auch den Söhnen unterer Schichten möglich, ein hohes Staatsamt zu erlangen, was aber selten vorkam. Denn das jahrelange Studium zur Vorbereitung auf die Prüfungen konnten sich meist nur die Söhne aus Beamten-, Adels- und Großgrundbesitzerfamilien leisten.

Durch den Aufbau einer Beamtenbürokratie hatten die aristokratischen Familien im Laufe der Jahrhunderte erheblich an Macht und Einfluss verloren. Nicht mehr die Abstammung zählte, wenn es um Amt und Würden ging, sondern die Bildung.

Da Händler ein schlechtes Ansehen hatten, waren ihre Söhne in der Regel von den kaiserlichen Prüfungen ausgeschlossen. Dennoch gab es auch für sie eine Chance, in den Staatsdienst und damit in die politische Elite aufgenommen zu werden. Hierzu bedurfte es der Empfehlung eines Beamten oder einer einflussreichen Persönlichkeit, die einen geeigneten Kandidaten für ein Amt vorschlug. Die Familie Li versuchte diesen Weg zu gehen und ließ deshalb ihrem talentierten Sohn eine fundierte Ausbildung zukommen. Schon im frühen Kindesalter begann für Li Bai das umfassende Studium der klassischen Werke zu Staatskunst, Philosophie, Geschichte und Literatur. Auch das Auswendiglernen von schier endlosen Texten aus den Klassikern, von Essays und Gedichten gehörte dazu.

Die Tang-Dynastie – das Goldene Zeitalter der chinesischen Poesie

Die Poesie war eine beliebte Form der Unterhaltung. Anlässlich festlicher Gelegenheiten bei Hofe oder unter Freunden pflegte man mit großem Vergnügen das improvisierte Dichten. Auch beim Wandern in der Natur, bei Trinkgelagen oder zum Abschied wurde gedichtet. Gefielen die Gedichte, brachte man sie zu Papier. Dadurch entstanden Anthologien, die in damals bereits existierenden Buchläden verkauft wurden.

Das spontane Dichten diente schon in früherer Zeit als willkommener Zeitvertreib. Von dem berühmten Kalligraphen Wang Xizhi (307-365) ist ein Treffen mit Freunden am Orchideenpavillon im Spätfrühling des Jahres 353 überliefert. Sie setzten sich zum Trinken und Dichten ans Ufer eines Baches und ließen mit Wein gefüllte Schälchen im Wasser treiben. Erreichten die Schälchen das Ufer, mussten jene in nächster Nähe den Wein trinken und ein Gedicht verfassen. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang, dass es sich beim „Wein“ meist um Hochprozentiges handelte.

Da die Dichtkunst Teil des Studiums war, nahm die Zahl der Dichter rasant zu und machte die Tang-Dynastie zur Blütezeit der chinesischen Lyrik. Im 18. Jahrhundert erschien eine Sammlung mit nahezu 50.000 Tang-Gedichten von mehr als 2900 Dichtern. Bis heute ist eine ausgewählte Sammlung von 300 Tang-Gedichten beliebt und verbreitet. Sie erschien erstmals im Jahre 1763.

Der mühsame Weg zu Amt und Würden

Li Bai lernte schnell und gründlich und zeigte früh sein Talent als Dichter. Im Alter von etwa zwanzig Jahren schickte ihn sein Vater auf Wanderschaft. Er sollte Erfahrungen sammeln, bei Meistern studieren und einflussreiche Menschen kennenlernen, die ihn mit Empfehlungen zu einem Amt verhelfen konnten.

Ungeheuer lange Strecken legte er zurück, zu Fuß, zu Pferde oder per Boot. Das Wanderleben wurde sein Schicksal. Überall fand er Freunde, die ihn begeistert feierten, wenn er in geselliger Runde spontan Gedichte verfasste. Mit seiner verwegenen Art setzte er sich über feste Regeln der offiziellen Versdichtung hinweg. Seine Gedichte sprühten vor Leben und drückten eigene Gefühle und Erfahrungen aus. Während andere Dichter stundenlang grübelten, konnte er im Stegreif gleich mehrere Gedichte nacheinander hervorbringen. Oft schrieb er sie nieder und verschenkte sie als Dank für die erwiesene Gastfreundschaft. Manchmal fand er Dichterkollegen, mit denen er gemeinsam Sehenswürdigkeiten und Landstriche erkundete, oder er traf auf andere junge Männer, die wie er auf der Suche nach einem Verwaltungsposten waren. Der Beamtenapparat war die einzig logische Dienststelle für literarisch gebildete Gelehrte.

So streifte er jahrelang durch das Land, blieb oft wochen- oder monatelang an einem Ort und zog dann weiter. Sein Ruhm als begnadeter Dichter verbreitete sich schnell, und er hätte wahrscheinlich von seinen Einkünften ein bescheidenes Leben führen können. Doch das war ihm nicht genug. Er wollte unbedingt zur politischen Elite gehören, als Staatsmann seinem Land dienen und am liebsten an der Seite des Kaisers beratend Einfluss nehmen. Als selbstbewusster und politisch denkender Mann ordnete er sich jedoch nicht gern unter, auch fürchtete er sich nicht, öffentlich Probleme zu benennen und Kritik zu äußern. Es sei nicht seine Art, vor den Mächtigen zu buckeln, bekannte er in einem Gedicht. Damit machte er es anderen jedoch schwer, sich für ihn einzusetzen und eine Empfehlung auszusprechen. Gelegentlich traf ihn auch der Makel, aus einer Kaufmannsfamilie zu stammen. Diesen entkräftete er,  indem er nachzuweisen wusste, dass er eigentlich zum weitläufigen Clan des Kaiserhauses gehörte.

Während seiner Wanderungen erkannte er, dass dem Reich schweres Unheil drohte. Der einstmals fleißige Kaiser Xuanzong schien das Reich zugrunde zu richten. Er hatte sich in die Konkubine eines seiner Söhne verliebt, sie ihm ausgespannt und zu seiner Gefährtin gemacht. Fortan führte er ein Leben, das vor allem von Vergnügungen und Ausschweifungen bestimmt war. Die Staatsgeschäfte überließ er meist seinen Beamten.

Yang Guifei, die Gefährtin des Kaisers, im Blumengarten. Im Hintergrund der Kaiser. Holzschnitt von 1644

Korruption und Machtmissbrauch griffen um sich. Selbst aufrechte Beamte fanden beim Kaiser kein Gehör mehr. Wer sich dennoch traute Kritik zu üben, musste um sein Leben fürchten.

Als Ehemann eine Zumutung

Sängerinnen und Kurtisanen waren häufige Themen in Li Bais Gedichten. In manchen sprach er mit ihrer Stimme und beklagte ihr Schicksal. Für seine eigenen Frauen fand er nur wenige Worte. Als Ehemann war er – wie er in einem Gedicht an seine erste Frau bekannte – eine Zumutung. Er glänzte hauptsächlich durch Trunken- und Abwesenheit.

„Dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr / bin ich betrunken und schlapp wie Matsch. / Wie schrecklich für dich, dass du Bais Frau wurdest. / Es ist, als hätte man einen Idioten zum Mann.“ (S. 86)

Zweimal heiratete er Frauen aus einflussreichen Familien, zweimal ging er Beziehungen mit Frauen niederen Standes ein. Seine erste Frau gebar eine Tochter und einen Sohn. Als sie starb und er wieder auf Reisen gehen wollte, nahm er eine einfache Frau ins Haus, um seine Kinder während seiner Abwesenheit gut versorgt zu wissen. Sie verließ ihn, als sie begriff, dass er sie nie heiraten würde. Auch die zweite Frau, die er für die Versorgung seiner Kinder engagierte, wurde mit ihm nicht glücklich. Sie brachte sogar einen gemeinsamen Sohn zur Welt, den sie mitnahm, als sie Li Bai verließ. Später heiratete er zum zweiten Mal eine Frau, die wie seine erste aus wohlhabender Familie stammte. Diese war ihm intellektuell ebenbürtig, teilte auch sein Interesse an der taoistischen Religion, war aber nicht bereit, sich um das Wohl seiner Kinder zu kümmern.

Endlich ein Amt

Li Bai war vierzig Jahre alt, als der Hof ihn in die Hauptstadt Chang’an rief, ins heutige Xi’an, damals eine Weltmetropole mit über einer Million Einwohnern.

Kaiser Xuanzong, den Künsten zugetan, kannte die Gedichte Li Bais und empfing ihn mit größtem Respekt.

Kaiser Xuanzong der Tang-Dynastie

Im Jahre 742 wurde Li Bai Mitglied der Kaiserlichen Akademie. Endlich war er am Ziel seiner Träume. Sogleich begann er mit der Arbeit an einem Essay, das den Titel trug „Großer Plan für unsere Dynastie“. Er hoffte auf eine weitere Audienz beim Kaiser, um seine Gedanken darlegen zu können, fand jedoch kein Interesse. Und überhaupt war das Leben bei Hofe ganz anders als von ihm erwartet. Die meisten Mitglieder der Akademie verachtete er. Viele hatten zweifelhafte Qualifikationen und wurden mehr als Unterhaltungskünstler gehalten. „Leicht ist es, von Fliegen besudelt zu werden, / aber schwer, jemanden zu finden, der die eigenen Gedanken teilt.“ (S. 169) Mit solchen öffentlich geäußerten Gedichten machte er sich schnell Feinde unter den hohen Beamten. Auch verfiel er zunehmend dem Alkohol. Zwar vermochte er selbst im Vollrausch respektabel zu dichten, doch schlug er dabei immer wieder über die Stränge, so dass er schließlich die Unterstützung des Kaisers verlor. Enttäuscht und gedemütigt verließ er nach nicht einmal zwei Jahren den Hof und wandte sich wie schon früher der damals vorherrschenden taoistischen Religion zu. Er ließ sich sogar zum Priester ordinieren, um als weltabgewandter Taoist einen gewissen Schutz vor den Verfolgungen ihm verfeindeter Beamter aus der Hauptstadt zu haben. Denn zu Recht ging er davon aus, dass sie ihm nach dem Leben trachteten.

Seine verzweifelte Suche nach einem geeigneten Amt und einem steten Einkommen ging weiter. Selbst im fortgeschrittenen Alter erwog Li Bai, an Feldzügen im nördlichen Grenzgebiet teilzunehmen. Das Militär schien ihm ein günstigerer Ort zu sein, um an ein Amt zu kommen. Doch auch hier wurde er enttäuscht.

Im Jahre 755 folgte die von ihm befürchtete Katastrophe. Der mächtige General An Lushan, ein Mann mit iranisch-türkischen Wurzeln, der vom Kaiser zum Prinzen erklärt worden war, rief zur Rebellion gegen die Tang-Herrschaft auf, vor allem gegen die politischen Günstlinge der Konkubine Yang Guifei.

General An Lushan

Ein Bürgerkrieg erschütterte das Land und forderte unzählige Opfer. Kaiser Xuanzong, zu alt und zu schwach, um seine Herrschaft zu verteidigen, floh mit seiner Konkubine aus der Hauptstadt. Doch seine Leibgarde versagte ihm die Gefolgschaft und erzwang, dass er die verhasste Konkubine verstieß. Es heißt, sie hätte Selbstmord begangen, andere behaupten, sie sei nach Japan geflohen.

Konkubine Yang Guifei besteigt ihr Pferd

Seinen Beratern folgend übergab der Kaiser die Macht an vier seiner Söhne und riskierte damit unbeabsichtigt den Zerfall des Reiches. Schließlich trat er vom Thron zurück und bestimmte einen der vier Söhne zu seinem Nachfolger.

General An Lushan verlor den Kampf. Das Kaiserhaus überlebte. Doch es kam zum Streit zwischen dem neuen Kaiser und einem seiner Brüder. In diese Auseinandersetzung wurde Li Bai hineingezogen, der den falschen der beiden Prinzen unterstützte, nämlich den Widersacher des neuen Kaisers. Der Widersacher kam ums Leben und auch Li Bai drohte nun die Todesstrafe. Nur dank der Fürsprache treuer Freunde blieb er am Leben, wurde aber für drei Jahre in die Verbannung geschickt. Kurz darauf erfolgte eine allgemeine Amnestie und Li Bai kam frei.

Als Gelehrter gescheitert, als Dichter unsterblich

Inzwischen war Li Bai ein alter kranker Mann. Seine Frau hatte infolge des Krieges ihren Besitz verloren. Sie zog sich in einen taoistischen Konvent im Lushan-Gebirge zurück. Li Bai fand Unterschlupf bei Li Yangbing, einem entfernten Onkel. Dieser war Magistrat des Kreises Dangtu, im heutigen Ma’anshan, und darüber hinaus ein hervorragender Kalligraph. Er nahm Li Bai großzügig bei sich auf und versorgte ihn, als sich dessen Gesundheit verschlechterte. Doch schon kurz darauf wurde er in die Hauptstadt abberufen. Um Li Bais weitere Versorgung sicherzustellen, rief er dessen Sohn zu Hilfe, vermittelte ihm sogar eine Arbeitsstelle in der örtlichen Salzstation, so dass der Sohn ein geregeltes Einkommen hatte und sich um den kranken Vater kümmern konnte.

Bevor der Onkel abreiste, übergab ihm Li Bai all seine Manuskripte, die noch in seinem Besitz waren. Da er wohl ahnte, dass er bald sterben würde, erzählte er ihm noch sein ganzes Leben. Der Onkel schrieb alles nieder und brach dann auf.

Wann genau und woran Li Bai schließlich starb, ist nicht bekannt. So entstand die Legende, er hätte während einer nächtlichen Bootsfahrt im Rausch das Spiegelbild des Mondes, den er so liebte, zu umarmen versucht und wäre dabei ins Wasser gefallen und ertrunken. Ein solches Ende schien zum trunksüchtigen Dichter zu passen. Die Legende wird bis heute erzählt.

Mehr als ein Jahr nach Li Bais Tod geriet der Ort Dangtu in helle Aufregung. Der alte Kaiser wie auch sein Nachfolger waren inzwischen verstorben. Ein neuer Kaiser saß auf dem Thron und tatsächlich hatte jemand eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen. Endlich wurde Li Bai per Dekret als Berater in die Hauptstadt gerufen. Doch niemand der örtlichen Beamtenschaft von Dangtu wusste etwas über Li Bais Verbleib und von dessen Tod.

Viele Jahre später kam ein kaiserlicher Inspektor und Bewunderer Li Bais in den Ort, um nach dessen Grab und näheren Informationen zu suchen. Der Sohn Li Bais war bereits seit 20 Jahren tot. Aber es meldeten sich zwei Enkelinnen, einfache Bäuerinnen, wohl Analphabetinnen, die ihm Li Bais Grab zeigen konnten. Sie wussten nicht, dass ihr Großvater ein berühmter Dichter war.

Doch Li Bai blieb unsterblich. Den Aufzeichnungen des Onkels zufolge gingen neunzig Prozent seines Werkes verloren. Doch immerhin sind etwa 1050 Gedichte und etliche Essays erhalten geblieben. Auszüge seines Werkes finden sich in jeder Anthologie der klassischen chinesischen Lyrik. Und gerade im Moment ist Li Bai in China wieder in aller Munde, nicht zuletzt dank des Animationsfilms „30.000 Schritte bis Chang’an“, der seit Beginn dieses Jahres in chinesischen Kinos läuft.

Li Bais Gedichte fanden weltweit Beachtung und wurden in viele Sprachen übertragen, so auch ins Deutsche. Großes Aufsehen erregten die Nachdichtungen des deutschen Dichters Hans Bethge (1876-1946), der sie unter dem Titel „Die chinesische Flöte“ 1907 veröffentlichte. Sie inspirierten Gustav Mahler zu seinem „Lied von der Erde“.

Ha Jin – ein vielfach ausgezeichneter Autor

Jin Xuefei, der unter dem Künstlernamen Ha Jin zu weltweitem Ruhm gelangte, stammt aus der nordostchinesischen Provinz Liaoning. Im Jahre 1956 geboren, verbrachte er seine Jugend in der chaotischen Zeit der Kulturrevolution, als Schulen und Universitäten geschlossen blieben. Im Alter von 14 Jahren wurde er Soldat, nebenbei schaffte er es dennoch, sich autodidaktisch weiterzubilden. Als die Universitäten 1977 wieder öffneten, begann er ein Studium an der Universität von Harbin. 1985 emigrierte er in die USA, promovierte und wurde Professor für englische Literatur an der Boston University.

Ich habe mehrere seiner Werke gelesen. Besonders beeindruckt hat mich der Roman „Warten“, der 1999 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde.

Es ist ein großes Glück, dass sich Ha Jin dem Leben des Li Bai zugewandt hat und diesen außergewöhnlichen Dichter einem breiten Publikum bekannt macht. Die Biographie liest sich wie ein Roman, man bangt mit Li Bai mit, und weiß doch schon im Voraus von seinem tragischen Ende. Ich kann die Lektüre nur jedem Interessierten empfehlen.

1 Kommentar
  1. Hallo Petra, durch deinen ausführlichen Bericht über das Leben und Dichten von Li Bai habe ich nicht mehr das Bedürfnis, noch tiefer in die Legende einzusteigen.
    Ich sage vielen Dank und freue mich schon auf deine kommenden Kulturnachrichten.
    Herzliche Grüße
    Renate

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