Der Lange Fahrradmarsch – 7000 Kilometer durch das Reich der Mitte

„Zwei alte weiße Männer auf dem Langen Marsch. Was haben wir uns nur dabei gedacht!“, fragt sich Volker Häring nach einer Strecke von rund 1400 Kilometern, wohl wissend, dass noch etliche Herausforderungen und Gefahren auf den folgenden 5400 Kilometern vor ihnen liegen.

Volker Häring (nicht verwandt mit der Autorin dieses Artikels) und Christian Y. Schmidt machen sich im Oktober 2023 auf den Weg nach China, um die gesamte Route des historischen Langen Marsches per Fahrrad zurückzulegen. Beide sind nicht mehr die Jüngsten, und zumindest einer von ihnen klagt über diverse gesundheitliche Leiden.

Der faszinierende Bericht ihres außergewöhnlichen Abenteuers erschien im Oktober 2025 bei Ullstein.

Ein großes Lesevergnügen!

Das Buch ist mehr als nur ein Reisebericht.

Es ist zugleich eine Art Geschichtsbuch, das kenntnisreich von Chinas schwierigem Weg in die Moderne erzählt, von den Zeiten des Bürgerkrieges, den politischen Bewegungen und den Veränderungen der letzten dreißig Jahre, die die Autoren als Augenzeugen teilweise hautnah miterlebten.

Es bietet zudem amüsante Unterhaltung. Zwei Männer, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, begeben sich auf eine strapaziöse Radtour von rund 7000 Kilometern. Kann das gutgehen?

Zu guter Letzt ist das Buch ein Muss für jeden, der ein ähnliches Abenteuer plant.

Christian Y. Schmidt (li) und Volker Häring © Christian Y. Schmidt

Volker Häring ist Reiseschriftsteller und seit fast dreißig Jahren Veranstalter von ausgefallenen Radreisen, die durch alle Ecken der Welt führen. Er ist sportlich und durchtrainiert. Jedes Jahr legt er Tausende von Kilometern auf dem Sattel zurück, und dies selbstverständlich nicht auf E-Bikes. Allein in China kamen in den vergangenen Jahrzehnten 50000 Kilometer zusammen. Er kennt sich in dem Land bestens aus und spricht dank eines längeren Studienaufenthaltes fließend Chinesisch.

Ganz anders Christian Y. Schmidt, der sich selbst als „komplett untrainierte Sofakartoffel“ bezeichnet. Auf die Idee, eine Radtour zu machen, war er bisher nie gekommen. Als Volker ihm von einem möglichen Fahrradmarsch erzählt, lebt Christian bereits seit annähernd fünfzehn Jahren in Peking, denn der ehemalige Redakteur des Satiremagazins Titanic ist seiner chinesischen Ehefrau in deren Heimat gefolgt. Wie Volker hat auch er das Land in unzähligen Touren erkundet, nur eben nie per Fahrrad. Seine Erfahrungen und Beobachtungen hat er in etlichen Zeitungskolumnen und Büchern geschildert.

Jangtse-Stausee in Yunnan © Christian Y. Schmidt

Zur Idee des Langen Fahrradmarsches

Der Idee liegt der historische „Lange Marsch“ (1934–1935) zugrunde, der auch als „Maos Langer Marsch“ bekannt ist. Er bezeichnet den Rückzug der Ersten Roten Armee vor den Vernichtungsfeldzügen der regierenden Nationalisten – einen extrem entbehrungsreichen Gewaltmarsch vom Südosten Chinas bis in den abgelegenen Nordwesten. Der Marsch forderte einen enorm hohen Blutzoll: Von den rund 90000 Teilnehmern erreichte nur etwa ein Zehntel das Ziel. Die zurückgelegte Wegstrecke wird offiziell mit 25000 Li, rund 12500 Kilometern, angegeben.

(Für weitere Informationen zum historischen Langen Marsch siehe unten im Anhang.)

Straßendekoration zum Langen Marsch, Sichuan © Christian Y. Schmidt

Als Volker in jungen Jahren durch den Südwesten Chinas radelte, begegnete er zufällig einem alten Mann, der an dem Langen Marsch teilgenommen hatte. In ihrem kurzen Gespräch fiel der Satz: „Ohne den Geist und die Essenz des Langen Marsches zu erfahren, wirst du das Neue China nie verstehen!“ Diese Worte ließen Volker nicht mehr los und weckten in ihm den Wunsch, eines Tages die Route des Langen Marsches mit dem Fahrrad nachzufahren. Soweit ihm bekannt, hatte sich noch kein Ausländer an ein solches Unterfangen gewagt.

Zunächst jedoch hatten andere Projekte Vorrang, und viele Jahre vergingen, bis er Christian kennenlernte und ihm vorschlug, sich gemeinsam auf diese außergewöhnliche Reise zu begeben.

Christian glaubte zunächst an einen Scherz. Eine Radtour über 12500 Kilometer? Völlig ausgeschlossen! Sogleich zählte er etliche gesundheitliche Leiden auf, die seine Teilnahme unmöglich machten. Selbst Volkers Einwand, dass die Marschroute wahrscheinlich nur etwa 7000 Kilometer betragen würde, konnte ihn nicht umstimmen. Er sah wenig Sinn darin, eine so unglaublich lange Strecke mit einem Fahrrad zurückzulegen. Dennoch ließ ihn die Idee wohl nicht los, denn irgendwann sagte er doch zu. Schuld daran war Otto Braun.

Otto Braun

Wer war Otto Braun?

Otto Braun (1900-1974), deutscher Kommunist und im Auftrag der Kommunistischen Internationale (Komintern) als Militärberater in China tätig, gehörte zum engsten Kreis jener, die über den Rückzug der Ersten Roten Armee entschieden. Als es schon in den ersten Wochen des Langen Marsches zu dramatischen Verlusten kam, machte man Otto Braun dafür verantwortlich. In der Folge wurde ihm jede strategische Entscheidungsbefugnis entzogen; dennoch durfte er weiterhin am Langen Marsch teilnehmen. Wahrscheinlich war Otto Braun der einzige Ausländer, der den gesamten Langen Marsch mitgemacht hat.

(Für weitere Informationen zu Otto Braun siehe unten im Anhang.)

Schon seit langem interessierten Christian Person und Schicksal des Otto Braun, der in jener Zeit so unmittelbar am politischen Geschehen in China teilgenommen hatte. War er wirklich schuld an den hohen Verlusten? Trotz Christians intensiver Recherchen blieben für ihn viele Fragen unbeantwortet und so merkte er wohl allmählich, dass seine Teilnahme am Fahrradmarsch eine geeignete Gelegenheit bot, mehr über Otto Braun zu erfahren.

Von der Idee zum Projekt

Kaum ist der Entschluss zum Fahrradmarsch gefallen, beginnt die akribische Vorbereitung. Es vergehen jedoch noch sieben Jahre bis zum Start, denn Corona macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Das gesamte Unterfangen scheint zwischenzeitlich zum Scheitern verurteilt, bis es Anfang Oktober 2023 dann doch endlich losgeht.

Christian (li) und Volker starten ihren Langen Fahrradmarsch in Ruijin, Jiangxi © Christian Y. Schmidt

In zwei Etappen von zwei bzw. drei Monaten soll die Strecke zurückgelegt und zwischendurch wegen schwieriger Wetterbedingungen eine mehrmonatige Pause eingelegt werden.

Der erfahrene Tourenplaner Volker hat die gesamte Wegstrecke bis ins Kleinste vorbereitet, Flug- und Bahntickets gebucht, Hotelreservierungen vorgenommen und für die nötige Ausrüstung gesorgt. Auch ist er auf Christians Forderung eingegangen, auf E-Bikes zu reisen, was sich später als Segen erweist, als Höhen von über 4000 Metern bei Eiseskälte zu überwinden sind.

Übernachtung in Jurten © Christian Y. Schmidt

Christian hat die inhaltliche Vorbereitung übernommen und zum Geschehen des historischen Langen Marsches recherchiert, ebenso zu parteiinternen Auseinandersetzungen und zur Rolle Otto Brauns in diesem Zusammenhang.

Zur Vorbereitung gehörte auch das Aufspüren von Sponsoren, um die Finanzierung des doch recht kostspieligen Unterfangens zu sichern. Glücklicherweise konnte auch mit dem Ullstein Verlag ein Vertrag für das nun vorliegende Buch geschlossen werden.

China-Lederstrumpf und Tattergreis auf dem Fahrradmarsch

Als die beiden Männer im Oktober 2023 aufbrechen, ist Christian bereits 67 Jahre alt, Volker zwölf Jahre jünger. Christians Wirbelsäule sei „Schrott“, hatte ihm sein Orthopäde kurz vorher attestiert und sein Kardiologe ließ ihn erst nach einem letzten Stressecho ziehen. „China-Lederstrumpf und Tattergreis“ betitelt Christian denn auch das erste Kapitel und gibt damit den Ton an, mit dem er von ihrem Abenteuer erzählt: humorvoll, kenntnisreich und immer wieder auch emotional. Während der gesamten Tour hadert er mit seiner Entscheidung, sich überhaupt auf dieses Projekt eingelassen zu haben. Er fühlt sich den Anstrengungen nicht gewachsen. Auf dem Weg zum höchsten Punkt ihrer Tour, auf über 4000 Metern, glaubt er sich dem Tode nahe.

In 4114 Meter Höhe auf dem Pass des Jiajinshan © Christian Y. Schmidt

Aber auch der durchtrainierte und erfahrene Volker stößt an seine Grenzen. Dreimal entgeht er nur knapp einer Katastrophe.

Das Buch – ein großes Lesevergnügen

In neunzehn Kapiteln erzählen die Autoren im Wechsel von Erlebnissen und Begegnungen, von Strapazen, Pannen und unvergesslichen Glücksmomenten.

Sie fahren mal auf breiten National-, mal auf kleinen Nebenstraßen, durch malerische Landschaften und schroffe Natur, durch Schluchten, Tunnel, Dörfer und Städte, über Brücken und vorbei an Feldern und Mandarinenhainen, bergauf und bergab, bei Wind und Wetter.

Yaks in der Mao’ergai Ebene, Sichuan © Christian Y. Schmidt

Um die einzelnen Etappen des Langen Marsches ranken sich viele Geschichten, von denen beide zu erzählen wissen. Sie besuchen Museen und Denkmäler, sehen riesige Wandmalereien und lebensgroße Figurengruppen, die alle an die Helden jener Tage erinnern und an ihren Kampf gegen die Übermacht der feindlichen Truppen.

Wandgemälde: Soldaten auf der berühmten Kettenbrücke über dem Dadu-Fluss in Sichuan © Christian Y. Schmidt

Interessant sind vor allem die vielen Menschen, die den beiden Radlern unterwegs begegnen, Einheimische, Zugezogene und Touristen wie sie, wenn auch chinesische. Da gibt es jene, die den Langen Marsch zu Fuß absolvieren und andere, die ihn per SUV bereisen. Manche bieten Straßentheater, filmen sich vor historischer Kulisse und stellen die Videoclips ins Internet. Manchmal sind Volker und Christian allein auf weiter Flur, dann wieder treffen sie auf Schulklassen, Rentnervereine und einheimische Reisegruppen, die sich die legendären Stätten ansehen wollen.

Ein pensionierter Oberst der Volksbefreiungsarmee auf dem Langen Marsch © Christian Y. Schmidt

Immer wieder ist die Bewunderung groß, wenn sie als Ausländer erkannt werden, die den Langen Marsch entlangradeln. Sie werden fotografiert, gefilmt, man feuert sie an, unterhält sich mit ihnen und beschenkt sie mit kleinen Aufmerksamkeiten, etwa mit einem Pfund gerösteter Erdnüsse als Wegzehrung, einem Riesenbeutel Krabbenchips oder zwei roten Fahnen, die ihre Fahrräder noch zünftiger aussehen lassen.

Rote Fahnen für die Fahrräder © Christian Y. Schmidt

Doch machen sie auch Bekanntschaft mit Behördenvertretern, die sich wenig begeistert zeigen von ihrem Erscheinen und sie an der Weiterfahrt hindern. Wahrscheinlich sind unsere beiden Helden in militärisches Sperrgebiet geraten oder in anderweitig sensible Gegenden. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich der Staatsmacht zu beugen, mühsame Umwege zu fahren oder einfach kehrtzumachen und andere Wege einzuschlagen, was Zeitverlust bedeutet und ärgerlich ist, ihnen letzten Endes aber nicht den Spaß an ihrer gemeinsamen Unternehmung verdirbt.

Seitenhiebe mit Augenzwinkern

Oft setzt es Seitenhiebe auf den Tourkollegen, wenn auch mit einem Augenzwinkern. So unterschiedlich ihre Kondition so unterschiedlich ist auch ihre Lebenseinstellung. Volker ist Optimist. Für ihn scheint es keine unlösbaren Probleme zu geben. Er findet sich überall schnell zurecht, kommt mit jedem ins Gespräch und kann fast jede Fahrradpanne reparieren. Christian ist eher Pessimist. Für ihn steht die gesamte Tour unter einem Unstern. Er nennt sich selbst „Mr. Worstcase“, es kann alles nur schiefgehen.

Fahrradreparatur in Xichang, Sichuan © Christian Y. Schmidt

Ich kenne Christian seit vielen Jahren. Als er mir von dem geplanten Fahrradmarsch erzählte, konnte ich es nicht fassen. Dieser Mann will 7000 Kilometer durch China radeln? Selbst mit einem E-Bike hielt ich das für völlig unmöglich. Wie soll er das durchhalten, fragte ich mich. Als ich den beiden kürzlich bei der Vorstellung ihres Buches begegne, erlebe ich einen topfitten Christian, voller Elan und neuer Ideen und offensichtlich bei bester Gesundheit. Die gewaltigen Herausforderungen des Langen Fahrradmarsches scheinen ihm bestens bekommen zu sein. Noch vor Ende der ausgebuchten Veranstaltung kursiert bereits das Gerücht einer nächsten gemeinsamen Unternehmung. Volker und Christian wieder auf Tour? Ich bin gespannt!

Die Lange-Marsch-Trompete am Jiajinshan, Sichuan © Christian Y. Schmidt

Fazit: Buch kaufen und unbedingt lesen!

Anhang:

Der historische Lange Marsch (1934-1935)

Nach dem Sturz der Qing-Dynastie und dem Zusammenbruch des Kaiserreiches im Jahre 1911 wurde 1912 die Republik China ausgerufen. Ein moderner parlamentarischer Rechtsstaat sollte geschaffen werden. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen folgten Jahrzehnte der Wirren, revolutionären Umwälzungen, ausländischen Invasionen, der Kriege und Bürgerkriege. Verfeindete Kriegsherren kämpften mit ihren Armeen um Macht und Vorherrschaft, Russen und Japaner besetzten Teile des Landes, das in einzelne Regionen und Einflusszonen zerfiel. Aber das Chaos brachte zwei neue politische Kräfte hervor, die China wieder zu vereinen suchten: die Nationale Volkspartei (GMD – Guomindang, gegründet 1919) und die Kommunistische Partei Chinas (KPCh, gegründet 1921). Zunächst schien ein gemeinsamer Kampf gegen innere und äußere Feinde zugunsten eines geeinten China möglich, doch schnell wurde aus Partnerschaft erbitterte Feindschaft.

Mitte der 1930er Jahre unternahmen die regierenden Nationalisten unter Chiang Kaishek mehrere Feldzüge, um die konkurrierenden Kommunisten aus den Gebieten, die sie als sogenannte Sowjets unter ihre Kontrolle gebracht hatten, zu vertreiben und deren „Rote Armee“ zu vernichten. Die Streitkräfte der Nationalisten waren an Stärke und Ausrüstung denen der Kommunisten weit überlegen. Letztere sahen sich deshalb gezwungen, ihre Stützpunkte in Mittel- und Südchina aufzugeben und sich mit ihren etwa 180 000 Mann starken Truppen in abgelegene Gebiete zurückzuziehen.

Die Rote Armee bestand aus mehreren Truppenteilen. Der später berühmt gewordene Begriff des „Langen Marsches“ beschreibt die Fluchtroute der sogenannten „Ersten Armee“, die den zentralen Teil der Roten Armee bildete und der die später führenden Politiker Mao Zedong, Zhou Enlai und Deng Xiaoping angehörten.

Der Jiangxi-Sowjet zählte zu den wichtigsten kommunistischen Stützpunkten. In seiner Größe entsprach er etwa dem heutigen Irland. Als dessen Einkreisung durch GMD-Truppen drohte, gelang es der Ersten Armee im Oktober 1934, mit rund 90 000 Mann die feindlichen Linien zu durchbrechen. Ihre Flucht ging über Tausende von Kilometern durch oft unwegsames Gebiet, über etliche Gebirge und durch unzählige Flüsse.

Blick auf den Jiajinshan, 5734 m © Christian Y. Schmidt

Luftangriffe und Verfolgung durch die Truppen der Nationalisten, Erschöpfung, Krankheiten und Hunger forderten hohe Verluste. Nur ein Zehntel der Beteiligten erreichte ein Jahr später, im Oktober 1935, die nördliche Provinz Shaanxi, wo in Yan’an ein neuer Stützpunkt gegründet wurde. Von dort setzte die kommunistische Bewegung ihren Kampf fort und triumphierte vierzehn Jahre später über die Nationalisten. Im Oktober 1949 verkündete Mao Zedong in Peking die Gründung der Volksrepublik China, während die besiegten Nationalisten unter Chiang Kaishek auf die Insel Taiwan flüchteten.

Der Lange Marsch gehört zum Gründungsmythos der Volksrepublik China. Er symbolisiert die Stärke und Widerstandskraft der KPCh.

Wer war Otto Braun?

Otto Braun (1900-1974) stammte aus Ismaning bei München und hätte eigentlich Lehrer werden sollen, trat aber bereits 1919 der KPD bei und engagierte sich in Straßenkämpfen und bewaffneten Aufständen. Zwischen 1926 und 1928 saß er in Berlin-Moabit in Untersuchungshaft. Seiner damaligen zwanzigjährigen Geliebten und Genossin, Olga Benario, gelang es jedoch in einer waghalsigen Aktion, ihn, während eines Gerichttermins, zu befreien, was in der Presse über Berlins Grenzen hinaus für Schlagzeilen sorgte. Gemeinsam flüchteten sie nach Moskau, wo sich ihre Wege bald trennten. Otto Braun studierte bis 1932 an der Moskauer Elitemilitärakademie Frunse. Anschließend schickte ihn die Kommunistische Internationale (Komintern) nach China, um dort die Führung der KPCh und der Roten Armee zu unterstützen. Im Jiangxi-Sowjet angekommen schloss er sich der Ersten Armee an. Als sich abzeichnete, dass Chiang Kaishek mit seinen Einkreisungskampagnen erfolgreich sein und sich der Jiangxi-Sowjet nicht länger halten lassen würde, gehörte Otto Braun zu jenen drei Personen, die den Transfer in ein anderes Gebiet vorbereiteten. Auf diese Weise hat er den Langen Marsch mit initiiert, ohne den es – wie Christian Y. Schmidt meint – die Volksrepublik China vielleicht gar nicht geben würde.

Brauns moskautreue Strategie war unter den chinesischen Kommunisten jedoch umstritten. Zu seinen Gegnern gehörte Mao Zedong.

Wandgemälde: Mao während des Langen Marsches © Christian Y. Schmidt

Man warf Otto Braun mangelnde Kenntnisse der chinesischen Verhältnisse vor. Als seine Ratschläge und Entscheidungen nicht den erhofften Erfolg brachten und die Erste Armee bereits in den ersten Wochen des Langen Marsches dramatische Verluste erlitt, machten viele Parteigenossen Otto Braun dafür verantwortlich. In der Folge durfte er keine strategischen Entscheidungen mehr treffen, sondern wurde nur noch mit weniger wichtigen Aufgaben betraut.

In China nannte man Otto Braun Li De, „Li, der Deutsche“. Unter diesem Namen ist er auch heute noch vielen Chinesen ein Begriff, während er in Deutschland nahezu unbekannt ist.

Christian kommt in dem Buch immer wieder auf Otto Braun zu sprechen, zitiert aus dessen Aufzeichnungen und hat auch vieles andere über ihn zu berichten. Etwa dass dieser ein wahrer Frauenheld gewesen sein muss, was unter den Rotarmisten nicht gut ankam, war der Frauenanteil doch ohnehin äußerst gering. Angeblich soll man ihm eine Lebensgefährtin vermittelt haben, die ihn während der gesamten Tour begleitete und ihm sogar einen Sohn schenkte. Was aus dem Kind wurde, konnte Christian nicht herausfinden.

Otto Braun und seine Lebensgefährtin Xiao Yuehua.

1939 rief ihn die Sowjetunion nach Moskau zurück. Seine Lebensgefährtin Xiao Yuehua blieb in China.

Seit 1954 lebte Otto Braun wieder in Deutschland, in der DDR, wo er im Kulturbereich wirkte.

© Christian Y. Schmidt
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