Gemeinsam mit einer Freundin wollte ich den legendären buddhistischen Pilgerweg auf der japanischen Insel Shikoku erkunden. Dass ich ausgerechnet dort auf die Spuren deutscher Kriegsgefangener aus dem Ersten Weltkrieg stoßen würde, hatte ich nicht erwartet.

Und auch nicht, dass Beethovens Neunte dort 1918 erstmals auf japanischem Boden erklang, gespielt von einem Orchester eben jener deutschen Kriegsgefangenen. Es ist eine unglaubliche und faszinierende Geschichte, die davon erzählt, wie aus Kriegsgefangenen Kulturbotschafter wurden und dass Menschlichkeit auch in schweren Zeiten möglich ist.
Shikoku, die kleinste der vier japanischen Hauptinseln, liegt abseits der großen Metropolen und Touristenströme. Gerade deshalb wird sie von vielen Kulturinteressierten und Naturliebhabern geschätzt, denn sie ist reich an eindrucksvollen Landschaften, lebendiger Kultur, Kunst und Spiritualität.
Der berühmte Pilgerweg, Shikoku Henro, umrundet die Insel auf einer Strecke von etwa 1.200 Kilometern und verbindet 88 Tempel miteinander. Die Ursprünge einiger dieser Kultstätten reichen bis ins achte Jahrhundert zurück.

Nicht den gesamten Pilgerweg wollten wir entlangwandern, sondern nur den nordöstlichen Teil. Während der Reisevorbereitungen fiel mir bei der Suche nach geeigneten Unterkünften auf Google Maps ein „German House“ auf, das nahe der kleinen Bahnstation „Bando“ und dem ersten der 88 Tempel lag.

Zunächst vermutete ich eine Art Hostel. Doch schnell stellte sich heraus, dass es sich um eine Gedenkstätte für deutsche Kriegsgefangene aus dem Ersten Weltkrieg handelt. Verwundert fragte ich mich, was deutsche Kriegsgefangene ausgerechnet nach Japan verschlagen hatte. Schon nach kurzer Recherche verspürte ich den Wunsch, diesen Ort unbedingt zu besuchen.
Zunächst ein Blick auf den historischen Hintergrund
Im November 1897 besetzten deutsche Marineeinheiten das chinesische Küstengebiet von Jiaozhou und erzwangen von der chinesischen Regierung die Unterzeichnung eines Pachtvertrages über 99 Jahre. Ähnlich hatten es bereits Portugiesen und Briten im Süden Chinas gemacht. Chinas militärische Schwäche machte dies damals möglich.
Kaiser Wilhelm II. wollte endlich auch eine Rolle im allgemeinen Kolonialpoker spielen und erklärte das Gebiet zur deutschen Kolonie. Innerhalb kürzester Zeit entstand dort eine der größten und modernsten Hafenanlagen Ostasiens und das kleine Fischerdorf Qingdao entwickelte sich zu einer modernen Stadt, die wegen des milden Klimas und der reizvollen Landschaft ein beliebter Bade- und Erholungsort wurde.
Solide Militäranlagen sicherten das Gebiet ab. Die Präsenz von Marineeinheiten schützten vor Aufständen der lokalen Bevölkerung.
Zur Wahrheit des schönen Qingdao gehörte die strikte Trennung von Chinesen und Europäern. Sie lebten in getrennten Wohnvierteln, und allein schon der Zutritt zu dem Villenviertel der Weißen war den Chinesen strengstens untersagt, es sei denn sie arbeiteten für dessen Bewohner.
Im Herbst 1914 lebten 2.000 Europäer und 60.000 Chinesen in Qingdao.
Der Erste Weltkrieg (1914-1918)
Am 28. Juni 1914 erfolgte das Attentat von Sarajewo: der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand wurde getötet.

Das Motiv des Attentäters: Befreiung Bosnien-Herzegowinas von der österreich-ungarischen Herrschaft mit dem Ziel einer Einigung der Südslawen unter Führung Serbiens.
Um gegen Serbien vorgehen zu können, bat Österreich-Ungarn um Rückendeckung durch das Deutsche Kaiserreich, da mit einem Eingreifen Russlands als Schutzmacht von Serbien gerechnet wurde. Kaiser Wilhelm II. sagte die bedingungslose Unterstützung zu.
Am 28. Juli 1914 erfolgte die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien.
Schon ab August 1914 befand sich das Deutsche Reich an der Seite Österreichs im Krieg mit Russland, Frankreich und Großbritannien. Man ging von einem kurzzeitigen militärischen Geschehen aus. Doch der Konflikt weitete sich zum Ersten Weltkrieg aus, in den 40 Staaten involviert waren und 17 Millionen Menschen ihr Leben verloren. (10 Millionen Soldaten und 7 Millionen Zivilisten)
Die Schlacht um Qingdao
Im fernen Qingdao mögen sich die Deutschen sicher gefühlt haben, doch das änderte sich schnell. Seit 1902 gab es zwischen Japan und England ein politisch-militärisches Bündnis.
Den Briten war die Präsenz der Deutschen im Fernen Osten schon lange ein Dorn im Auge. Nun baten sie das japanische Militär um Hilfsdienste. Die Japaner sollten gegen die deutschen Marineeinheiten in den chinesischen Gewässern vorgehen und sie aus Qingdao vertreiben. Damit bot sich den Japanern die Gelegenheit, ihren Einflussbereich mit Hilfe der Briten in China auszudehnen.
Am 15.8.1914, also wenige Tage nach Kriegsbeginn in Europa, stellte Japan den Deutschen das Ultimatum, bis zum 23.8. Qingdao zu verlassen, also innerhalb von acht Tagen. Das war zu kurz, um auf Unterstützung aus Berlin zu warten. Also machte der Generalgouverneur von Jiaozhou, Alfred von Meyer-Waldeck, mobil und rief alle deutschen Männer in der Region zur Verteidigung von Qingdao auf. Insgesamt kamen 4.550 Deutsche und 286 Österreicher zusammen. Nur ein Viertel von ihnen gehörte zu Militäreinheiten, die übrigen drei Viertel waren Reservisten und Freiwillige, die unterschiedlichen Berufsgruppen angehörten, darunter Kaufleute, Handwerker, Musiker, Bäcker, aber auch Dolmetscher, Lehrer und Ingenieure. Die Japaner rückten mit 58.000 Mann und 36 Kriegsschiffen an, unterstützt von einem 2.000 Mann starken britisch-indischen Kontingent. Zehn Wochen lang belagerten sie das Gebiet von Jiaozhou und schlugen dann mit übermächtiger Wucht zu. Die Deutschen feuerten zurück, bis sie keine Munition mehr hatten.
Kapitulation
Am Morgen des 7. November 1914 sprach der Generalgouverneur die Kapitulation aus. Damit endete nach 17 Jahren die deutsche Kolonialgeschichte in China und Jiaozhou/Qingdao ging an Japan. Etwa 4.400 Deutsche und 300 Österreicher, Soldaten wie Zivilisten, gerieten in japanische Kriegsgefangenschaft.
Deutsches Know-how in der japanischen Armee
Bitter für die Deutschen war die Tatsache, dass sie selbst zur Schlagkraft der japanischen Armee beigetragen hatten. Ende des 19. Jahrhunderts hatte Japan das Deutsche Reich um Unterstützung bei der Modernisierung seiner Armee gebeten. Einer der bedeutendsten Taktiker der kaiserlichen Armee, der preußische Major Jacob Meckel (1842-1906), ging daraufhin für vier Jahre an die japanische Heereshochschule.

Meckel unterrichtete in allen militärwissenschaftlichen Fächern von der Heeresorganisation bis zur Kriegsführung. Dabei gelang es ihm, preußische Werte wie Treue, Gehorsam und Pflichterfüllung an die Anschauungen der japanischen Armee anzupassen und dem japanischen Heer eine ähnliche Kampfkraft zu vermitteln, wie sie die besten europäischen Armeen hatten.
Kriegsgefangenschaft
Während des gesamten Ersten Weltkriegs kamen etwa sechs Millionen Soldaten in Kriegsgefangenschaft, darunter 772.000 Deutsche. Von letzteren kehrten mehr als die Hälfte wegen der katastrophalen Haftbedingungen nicht in ihre Heimat zurück.
Zwar gab es zum Schutz vor der Rechtlosigkeit von Kriegsgefangenen das Vertragswerk der Ersten Haager Friedenskonferenz vom 29.7.1899, nur hielten sich die meisten Länder nicht daran. In Russland waren die Kriegsgefangenen Hunger, Willkür und Frondiensten ausgesetzt. Wer mit dem Leben davonkam, war physisch und psychisch oft so geschädigt, dass nach der Heimkehr ein normales Leben nicht mehr möglich war. Kriegsgefangenen in französischem Gewahrsam ging es nicht viel besser. Sie wurden zum Teil in Gefängnissen und Zuchthäusern untergebracht und dementsprechend schlecht behandelt.
In Japan versuchte man sich an das Schutzreglement gegenüber Kriegsgefangenen zu halten. Im Grunde genommen waren die Japaner den Deutschen nicht feindlich gesonnen. Zwischen Deutschland und Japan hatte es einst gute Beziehungen gegeben. Seit Ende des 19. Jahrhunderts waren nicht nur deutsche Militärberater in Japan tätig gewesen, sondern auch viele andere Fachleute, die zur Modernisierung des Landes beitrugen.
Wohin mit den Kriegsgefangenen?
Die schnelle deutsche Kapitulation in Qingdao hatte die Japaner überrascht. Sie waren weder auf den Transport von Kriegsgefangenen nach Japan vorbereitet noch auf deren Unterbringung. Doch weil sie Sabotage befürchteten, begannen sie bereits am Tag der Kapitulation mit dem Abtransport der Gefangenen.
An Bord der Schiffe, die für den Gütertransport ausgerichtet waren, kam es zu ersten Schwierigkeiten. Die Gefangenen litten unter den beengten Platzverhältnissen, dem schlechten Essen und vor allem an mangelndem Respekt. Bisher hatten sie in Asien als weiße Europäer zur privilegierten Klasse gehört. Dass sie nun sogenannten Farbigen gehorchen mussten, war für sie eine völlig neue Erfahrung und schwer erträglich.
An Land wurde es nicht besser. Man brachte sie zunächst provisorisch in Tempeln, Teehäusern, Hotels und öffentlichen Gebäuden wie Schulen oder Rathäusern unter.
Ärger mit japanischen Lebensgewohnheiten
Im erdbebenreichen Japan bestanden traditionelle Häuser aus Holz, Bambus, Stroh und Papier. Es waren Holzkonstruktionen, die dank komplexer Steckverbindungen ohne Nägel auskamen und sich den Bewegungen bebender Erde anpassten. Sie standen auf etwa 50 cm hohen Stelzen, die Wände waren dünn, die Innenwände meist flexibel verschiebbar und mit Papier bespannt, die Böden mit aus Binsen gefertigten Tatami-Matten belegt, auf denen gelebt, gegessen und geschlafen wurde. Möbel gab es kaum.
Die wenigsten Gefangenen waren auf diese Lebensweise vorbereitet und so mussten jede Menge Verhaltensvorschriften erlassen werden, an die sich viele Gefangene nur widerwillig hielten, beispielsweise vor dem Betreten der Häuser die Schuhe auszuziehen. Auch das Rauchen und der Umgang mit offenem Feuer war in den Räumlichkeiten absolut verboten, ebenso ein Herumspringen und Rennen durch Flure und Zimmer, weil man fürchtete, die Leichtbauweise der Häuser könnte den großen, schweren Europäern nicht standhalten.
Es gibt viele Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit. In einer steht: „Als unser dicker Bartsch, der zum Zimmerältesten ernannt wurde, sich an der Papierwand einmal unvorsichtig umwandte, stieß er mit dem Ellenbogen gleich ein Riesenloch in die Wand.“
Je nach Lager wurden derlei Verstöße empfindlich geahndet.
Auch die unterschiedlichen Gewohnheiten in Körperpflege und Hygiene sorgten – zumindest bei den Japanern – für Erstaunen.
Ein deutscher Soldat schrieb: „Unser Gefangenenlager war das ehemalige Rathaus. Der Fußboden war mit Tatamis belegt. Im oberen Stockwerk waren drei Räume für je 40 Mann, im Erdgeschoß lagen die restlichen 60 Leute, einschließlich 20 Feldwebeln. Auf dem Hof stand eine Bretterbude mit zehn japanischen Holzbadewannen, und gleich am ersten Tag sollten wir ein heißes Bad nehmen, da wir ja seit zehn Tagen nicht aus unseren Klamotten gekommen waren. Das Baden ging genau nach Rang und Würde vor sich: zuerst die Herren Feldwebel, dann die Unteroffiziere und schließlich wir Seesoldaten. Aber da die Herren Vorgesetzten sich in der Wanne wuschen und einseiften, statt sich nach japanischer Sitte zuvor zu reinigen und abzuspülen, so kann man sich die Brühe gut vorstellen, die für uns simple Soldaten übrigblieb.“
Das japanische Wachpersonal war entsetzt angesichts dieser Szene. So viel mangelnde Hygiene hatten sie von den Deutschen nicht erwartet.
Wer heute in Japan ein Onsen, also ein Thermalbad, besucht, kann gut beobachten, wie gründlich sich die Leute säubern, bevor sie in das gemeinsame heiße Bad tauchen.
Verpflegung
Verhungert ist keiner der Gefangenen, auch wenn sie das Essen anfangs für ungenießbar hielten. Laut Tagebucheintragungen gab es oft Reis und Fisch oder Konservenfleisch, gelegentlich auch ein, zwei Kartoffeln und alles gewürzt mit Sojasauce. Die Portionen schienen den Gefangenen zu knapp bemessen, bis sie merkten, dass ihre japanischen Bewacher in etwa dasselbe Essen erhielten. Später passten die Lagerleitungen die Verpflegung mit Hilfe von Gefangenenvertretern an den deutschen Geschmack an.
Gute und schlechte Lagerleiter
Wie sich die Atmosphäre in einem Lager entwickelte, hing vor allem von den Lagerleitern ab. Unter ihnen gab es Männer, die deutschfreundlich waren und sich gut auf die Gefangenen einstellen konnten. Einer von ihnen hatte seine militärische Ausbildung sogar in Preußen erhalten, ein anderer sechs Jahre in einer deutschen Armee gedient. Es gab aber auch Lagerleiter, die – aus welchen Gründen auch immer – voller Hass waren. Sie vergifteten die Atmosphäre und machten für manchen Gefangenen das Leben unerträglich, weshalb es auch zu mehreren Fluchtversuchen kam. Doch war es als weißer Ausländer schwierig, unerkannt aus der japanischen Umgebung zu entkommen. Nur von zwei Männern weiß man, dass sie es bis nach Deutschland schafften.
Zu den Spannungen in den Lagern trugen aber oft auch die Gefangenen selbst bei. Voller Ungeduld warteten sie auf Nachrichten von dem europäischen Kriegsschauplatz. Noch glaubten viele an den Sieg der deutschen Waffen und auf ein baldiges Kriegsende. Dazu beitragen konnten sie allerdings nichts, denn sie saßen hinter Stacheldraht im fernen Japan fest, weshalb sie sich wertlos vorkamen und frustriert und wütend waren.
Neue Barackenlager
Auch die Japaner waren von einem schnellen Ende des Krieges in Europa ausgegangen. Als sich jedoch nach Wochen und Monaten kein Ende abzeichnete, entschlossen sie sich zum Bau von Barackenlagern und zur Auflösung der provisorischen Unterkünfte. Insgesamt entstanden zwölf Lager am Rande von zwölf Städten.
Das Lager von Bando
Von all diesen Gefangenenlagern nahm Bando eine Sonderstellung ein. Es galt sogar als eins der liberalsten und humansten Lager des gesamten Ersten Weltkriegs.

Erst 1917 errichtet, hatte es insgesamt etwa 1.000 Gefangene aus drei provisorischen Einrichtungen aufgenommen. Unter diesen Menschen befanden sich viele kreative Köpfe, die in der Lage waren, mit begrenzten Mitteln viel zu bewegen, wenn es die Umstände denn zuließen. Im Lager von Bando trafen sie nun auf einen verständnisvollen Lagerleiter, der sie wohlwollend unterstützte.
Lagerkommandant von Bando: Oberst Matsue Toyohisa (1873-1955)
Oberst Matsue Toyohisa trat im Alter von 16 Jahren in die Armee ein. Er besuchte die Offiziersschule und durchlief im Laufe seiner Militärlaufbahn mehrere Dienstgrade. Nach der Eröffnung des Kriegsgefangenenlagers von Bando wurde er zu dessen Kommandant bestellt und zum Oberst ernannt.

Matsue war ein Verehrer des oben erwähnten deutschen Militärberaters, Major Jacob Meckel, der an der Modernisierung der japanischen Armee großen Anteil gehabt hatte.

Als Lagerleiter von Bando bemühte sich Matsue, den Gefangenen das Los nicht zu erschweren, sondern eher zu erleichtern. Hatten diese nicht – wie auch die japanischen Soldaten – ihrem Kaiser gehorcht und für ihr Vaterland gekämpft? Wie konnte man ihnen dies vorwerfen und sie deshalb schlecht behandeln. Für sein humanes Verhalten mag seine Dienstzeit in Korea prägend gewesen sein, als er das brutale und rücksichtslose Vorgehen mancher seiner Vorgesetzten gegenüber der einheimischen Bevölkerung beobachtete. Matsue setzte andere Akzente. Er war korrekt, aber tolerant. Überflüssiges Herumkommandieren und Prügelstrafen waren nicht sein Stil. Stattdessen gewährte er den Gefangenen wesentlich mehr Freiheiten, als es die Kommandanten anderer Lager taten. Er förderte ihre persönlichen Begabungen und Interessen und unterstützte ihre Aktivitäten. Er erkannte wohl auch das Potential dieser Lagergemeinschaft, wusste von ihren unterschiedlichen Berufen.

Wie aus Bando ein Renommierlager wurde
In dem Tagebuch eines Gefangenen heißt es: „So entwickelte sich zwischen den Baracken bald ein Stück deutschen Kleinstadtlebens…Allmählich entstanden im Lagergebiet drei Stadtteile von kleinen Holzbuden, in denen genäht und gehämmert, gemalt und geschnitzt, gegeigt und studiert wurde…Jeder, der arbeiten wollte, fand Beschäftigung, sei es als Koch oder Bäcker, Putzer oder Wäscher, Schneider oder Schuhmacher, Tischler oder Schlosser, Barbier oder Photograph. Es gab auch zwei Schlachtereien, eine Konditorei und mehrere Durstlöschstellen.“


Matsue gestattete es, Sportplätze anzulegen, sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Lagers: es entstanden ein Fußball-, ein Hockey- und ein Schlagballplatz, sowie mehrere Tennisplätze.



Manche Gefangene betrieben Landwirtschaft und bauten Gemüse an, hielten Klein- und Federvieh, wovon nicht nur die Lagerküche profitierte, sondern auch kleine Imbisse und Restaurants, die im Laufe der Zeit entstanden waren. Auch kamen japanische Bauern aus der Umgebung vorbei und verfolgten mit Interesse die Aktivitäten der fremden Landwirte. Schließlich kam es zu einem regelrechten Erfahrungsaustausch.
Die nahegelegenen bewaldeten Berghänge, die durch Abholzung gelitten hatten, wurden aufgeforstet, auf dem Gelände eines nahegelegenen Shinto-Tempels ein Park mit Spazierwegen und steinernen Brücken angelegt.
„Wir hatten eben für jede Aufgabe die richtigen Fachleute und waren mit Begeisterung dabei“, schrieb ein Gefangener in sein Tagebuch.
„Die Baracke“, eine Lagerzeitung, wurde gegründet, handgeschrieben und in der lagereigenen Druckerei vervielfältigt.
Diese Druckerei brachte nicht nur “Die Baracke“ heraus, sondern auch eine Anzahl wertvoller Bände vielfältigen Inhalts, manche sogar mit Farbendruck illustriert. Einige erhaltene Exemplare konnte ich in den Räumen der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek bestaunen.


Eine „kleine Universität“ entstand, mit einem festen Veranstaltungsplan. Angeboten wurden Sprachkurse für Japanisch und Chinesisch und Vorlesungen unter anderem zu Geschichte und Politik, Religion und Literatur. Musik- und Malunterricht wurde erteilt. Bald fand der Unterricht sogar zwischen Japanern und Deutschen statt. Auch auf dem Gebiet der japanischen und deutschen Küche kam es zu einem regen Austausch. Brot-, Brötchen- und Kuchenbacken waren ebenso angesagt wie die Herstellung von Würsten. Manche Japaner gründeten mit dem erworbenen Wissen kleine Unternehmen.

Mit entscheidend für die harmonische Entwicklung in Bando war die Tatsache, dass manche der Gefangenen die japanische Sprache beherrschten und über gute Japan-Kenntnisse verfügten. Es waren Lehrer, Dolmetscher und Kaufleute, die zum Teil schon jahrelang in Japan lebten. Ihnen war die japanische Mentalität vertraut und so konnten sie Reibereien und Missverständnissen vorbeugen, wie sie oft in anderen Lagern aus Unkenntnis entstanden.
Schließlich erlaubte Major Matsue sogar, dass sich die Gefangenen zu zweit oder dritt kleine Häuschen bauten, in die sie sich zurückziehen konnten. Hierzu wurde das Lager um einige Hundert Quadratmeter vergrößert. Auf diese Weise entstand ein „Villenviertel“, das sie Bando-Nord nannten.
Ein Gefangener schrieb: „Endlich ist unser Häuschen fertig. Es hat lange gedauert, aber es ist auch schön geworden. Jeder hat ein Zimmer von 3,00 x 2,55 m Größe… Mein Zimmer habe ich mir tadellos eingerichtet: Schreibtisch, runder Tisch, Eckbank, zwei Stühle und ein Schränkchen… Vor dem Häuschen ist eine gedielte Veranda, die zum Sitzen im Freien hervorragend ist.“
Der hervorragende Ruf des Lagers von Bando lockte viele einheimische Besucher und Vertreter internationaler Kommissionen an. „Sogar kaiserliche Prinzen und Prinzessinnen kamen zu einer Besichtigung, und einer davon, der sich für deutsche Literatur besonders interessierte, arbeitete sogar kurze Zeit bei uns, um seine Deutschkenntnisse aufzubügeln“, heißt es in einem Tagebuch.

Ganz besonders begeisterten die Japaner die handwerklichen Künste der Deutschen.
In der nahegelegenen Kreisstadt Tokushima wurde eine mehrtägige Ausstellung veranstaltet, die zeigte, wie geschickt sich die Deutschen mit den geringsten Mitteln zu helfen wussten, um trotzdem Eindrucksvolles auf hohem Niveau zu schaffen.


Beethovens Neunte Sinfonie
In fast allen Lagern hatten sich Gruppen gebildet, in denen musiziert und gesungen wurde: es gab Chöre, Blas- und Mandolinenkapellen, Kammermusikkreise und sogar Orchester.

Da Bando durch die Zusammenlegung dreier früherer Lager entstanden war, hatten die Gefangenen auch ihre Musikgruppen mitgebracht, die fortan miteinander wetteiferten und viele Konzerte aufführten.

Für besondere Projekte schloss man sich zusammen, wie zum Beispiel für eine Aufführung von Beethovens Neunter Sinfonie mit großem Orchester und Chor. Erstmals vor japanischem Publikum spielten sie am 1. Juni 1918 und ließen die „Ode an die Freude“ erklingen, mit einem 45-köpfigen Orchester, vier Solisten und einem 80 Mann starken Chor. Die Kunde von diesem Konzert drang bis an den Kaiserhof und weckte die Neugier eines Prinzen, der sich für westliche klassische Musik interessierte. Tatsächlich soll er am 19.8.1918 ins Lager gekommen sein, um sich das Konzert anzuhören.

Was die Gefangenen damals nicht ahnen konnten, war, dass sie mit diesen Aufführungen bei den Japanern die Liebe zu Beethovens Neunter weckten. Es gehört inzwischen zur japanischen Tradition, besonders zum Jahreswechsel diese Sinfonie erklingen zu lassen.
Bando – Naruto – Lüneburg
Das Gebiet des ehemaligen Lagers von Bando gehört heute zu Oasa, einem Ortsteil der Stadt Naruto in der Präfektur Tokushima. Noch heute ist man dort stolz darauf, dass Beethovens Neunte erstmals bei ihnen auf japanischem Boden aufgeführt wurde.
Seit 1974 besteht zwischen Naruto und Lüneburg eine Städtepartnerschaft. Als sich im Jahre 2018 zum hundertsten Mal die Erstaufführung der Neunten Sinfonie jährte und mehrere Jubiläumskonzerte stattfinden sollten, reisten Lüneburger Sängerinnen und Sänger nach Japan, um diesen besonderen Jahrestag gemeinsam zu begehen.
Ende des Ersten Weltkriegs und Heimkehr
Am 11. November 1918 unterzeichneten Vertreter der deutschen Regierung den Waffenstillstand, der einer bedingungslosen Kapitulation gleichkam. Am 28. Juni 1919 besiegelte der Vertrag von Versailles das Ende des Ersten Weltkriegs. Am 10. Januar 1920 trat er in Kraft. Die Gefangenen wurden freigelassen und mit japanischen Schiffen nach Deutschland gebracht. Vor ihrer Abreise dankte ihnen Oberst Matsue für die gute Zusammenarbeit und auch die ehemaligen Gefangenen fanden zum Abschied bewegende Worte und dankten ihm aus tiefsten Herzen.

Nicht alle Männer kehrten nach Deutschland zurück. Etwa siebzig blieben in Japan, über sechzig kehrten nach China zurück und mehr als hundert gingen nach Niederländisch-Indien.
Das Lager wurde geschlossen, die Gebäude bald anderweitig genutzt und schließlich abgerissen. Major Matsue Toyohisa verließ am 8. Februar 1920 seinen Posten, und beendete 1922 seine militärische Laufbahn.
Das German House Naruto – Museum und Dokumentationszentrum

In dem German House von Naruto bleibt die Geschichte des Gefangenenlagers von Bando lebendig. Zahlreiche Originaldokumente und Fotos sind zu sehen, Modelle und Rekonstruktionen des Lagers, Gebrauchsgegenstände der Gefangenen, ihre schriftlichen Werke, Gemälde, Werkzeuge und vieles mehr. Und dann ist da auch noch eine Bühne mit lebensgroßen Figuren: das Gefangenenorchester.
In der Grünanlage der Gedenkstätte erinnern zwei Skulpturen an Lagerkommandant Matsue und den überaus verehrten deutschen Komponisten Ludwig van Beethoven. Bis heute wird dessen Neunte Sinfonie hier alljährlich aufgeführt.


Wir verbrachten viel Zeit in dem German House, lasen die vielen Texte, betrachteten die Fotos. Von all dem hatten wir nichts gewusst. Es war anrührend und erschütternd zugleich. In tiefer Dankbarkeit gedachten wir Matsue Toyohisa, diesem wunderbaren Menschen. Der Besuch von Bando war für uns einer der Höhepunkte unserer dreiwöchigen Reise.



